http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/2422247_Taeglich-gruesst-der-Autodieb.html
Dresden. Manchmal hat die Polizei Glück. Aber das ist selten. An einem Freitag fällt einer Streife frühmorgens im ostsächsischen Görlitz ein polnischer Transporter auf. Als die Polizei den Wagen kontrollieren will, rennen drei junge Männer sofort davon. Ein 18-jähriger Pole hat Pech, ihn stellen die Beamten. Im Transporter finden sie ein Motorrad, das gerade geklaut worden war. Der Besitzer hatte es noch nicht bemerkt.
Meistens hat die Polizei kein Glück. Ein Sonntag in Riesa: VW-Sharan, dunkelblau, gestohlen. Schaden: 10.000 Euro. Oder Samstag, ein Autohaus in Radeburg: Diebe haben von drei Autos die Räder abmontiert. Schaden: 2500 Euro. Kesselsdorf bei Dresden: Ein Zeitungsbote beobachtet, wie zwei Männer einen Audi A6 aufbrechen und mitgehen lassen. Schaden: 50.000 Euro. Zittau, nachmittags: Diebe stehlen einen VW-Golf, Schaden: 10.000 Euro. Hoyerswerda zur Frühstückzeit, gestohlen: ein VW-Transporter Caravelle, silber. Görlitz, ein Toyota Corolla, Wert: 20.000 Euro.
Nur einige Beispiel aus Sachsen, alle aus einem Monat. Vermutlich wird kaum einer der Diebstähle geklärt werden. "Man weiß sehr wenig über Täter", sagt Kriminalhauptkommissar Uwe Horbaschk von der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien.
Volkswagen heiß begehrt
Aber was man weiß: Die Zahl der geklauten Autos, der Einbrüche in Autohäuser und gestohlenen Teile schießt seit einiger Zeit deutlich in die Höhe. Autoklau hat Hochkonjunktur in Sachsen und in Brandenburg. Allein im Freistaat stieg die Zahl der Diebstähle 2009 um 937 auf 3862 Fälle, Zuwachs: 32 Prozent. In Dresden nahmen Autodiebstähle im vergangenen Jahr sogar um 62 Prozent zu. Im kleinen Grenzort Zittau verschwanden 243 Autos, in Görlitz 137. Heiß begehrt bei den Dieben sind Produkte aus dem Haus Volkswagen: Audis, Skodas, Golf und Passat - gerne auch schicke Transporter. Ähnlich in Brandenburg: 2009 verschwanden in Frankfurt (Oder) 209 Wagen viermal so viele wie 2007 vor Wegfall der Grenzkontrollen.
"So kann das nicht weitergehen", sagt Gabriele Schönfelder. Sie betreibt ein Seat-Autohaus in Neugersdorf im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck, ein Familienunternehmen mit 13 Beschäftigten. Innerhalb von zwei Wochen kamen viermal Einbrecher, schnitten mit Blechscheren Löcher in den Zaun, schlichen zu den Aussteöllungsobjekten, schlugen die Fensterscheiben ein und nahmen die Navigationsgeräte mit. In einem Fall schraubten sie von drei Autos die Räder ab. Gleich die ganzen Autos stehlen, geht bei ihr nicht. Sie hat Findlinge um ihr Grundstück liegen, zudem ein stabiles Eisentor.
Sie hatte schon Wachleute angestellt, doch das wurde zu teuer. "Wie soll ich das auf Dauer bezahlen?" Im Frühjahr, wenn endlich der Schnee weg ist, will sie einen noch höheren und stabileren Zaun um ihr Gelände bauen lassen. Ihr Mann, erzählt sie, habe sich nachts einmal auf die Lauer gelegt. Zwischendurch ging er kurz duschen. Als er wiederkam, war es schon wieder passiert.
Die Teile, die aus Gabriele Schönfelders Autohaus gestohlen wurden, landen nach Einschätzung der Polizei vermutlich irgendwo in Osteuropa auf Märkten oder werden in gestohlene Wagen eingebaut. "Nur ein sehr kleiner Prozentteil der Diebstählesfäülle kann gelöst werden", sagt Kriminalhauptkommissar Horbaschk. Autodiebstähle aufzuklären ist ein undankbares Geschäft: Selten gibt es Zeugen, noch seltener Spuren oder Angaben zur Tatzeit. "Wir stehen meistens vor einer leeren Fläche", sagt Horbaschk. "Sonst ist nichts übrig."
Zehn, maximal zwanzig Prozent der Fälle würden aufgeklärt. Von den erwischten Tätern stammten die meisten aus Polen, einige auch aus Tschechien und Deutschland. Die gestohlenen Farhezuge würden häufig zerlegt und als Ersatzteile verkauft. Die Täter seien organisiert und sie gingen arbeitsteilig vor. Die einen kundschaften aus, die anderen stehlen. "Das Problem ist kurzfristig nicht zu lösen", konstatierte kürzlich der Görlitzer Polizeichef Dieter Baumann.
Am 21. Dezember 2007 hatten sich die Schlagbäume in Deutschland auch nach Tschechien und Polen gehoben, die Personenkontrollen an den Grenzen fielen weg. Zwei Dutzend Länder in Europa waren grenzenlos geworden. Unternehmer, Politiker, Urlauber, Hoteliers - sie alle jubelten, das Leben wurde leichter und angenehmer. "Wir leben aber weiterhin an einer Wohlstandsgrenze", sagt Autohändlerin Schönfelder. "Das extreme Gefälle bringt Kriminalität mit sich." Seit 2007 wurden mehrere hundert Bundespolizisten von der Grenze abgezogen. Sachsen plant, mittelfristig seine Polizei deutlich zu verkleinern. Die nach 2007 versprochene "Schleierfahndung" innerhalb eines 30 Kilometer breiten Streifens entlang der Grenzen als Kontroll-Ersatz funktioniert offensichtlich nicht wie gewünscht. Die Grenzöffnung, meint Arne Feuring, Polizeipräsident in Frankfurt (Oder), hat für deutsche und ausländische Täter "neue Absatzmärkte" für Diebesgut gebracht.
Gäste erhalten Parkkralle
Die Ermittler tun, was sie können. Es gibt Sonderkommissionen und die Zusammenarbeit mit polnischen und tschechischen Kriminalisten. Man hat 60 zusätzliche Bereitschaftspolizisten entsandt. Aber mehr ist wohl nicht drin. Die Politik ist etwas ratlos. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) forderte kürzlich die Autoindustrie auf, mehr für Schutz und Sicherheit zu tun. Er schlägt GPS-Ortungssysteme oder eine Identifizierung per Fingerabdruck vor.
Die Grenzen wieder schließen will niemand. "Es gibt Branchen bei uns, die bis zu 30 Prozent ihres Umsatzes mit tschechischen Kunden machen", sagt Bernd Noack, Bürgermeister von Ebersbach im Dreiländereck. Seine Stadt profitiert von der Öffnung. Endlich gebe es wieder eine Direktverbindung ins benachbarte Jirikov. Doch die Diebstähle? "Die Kriminalität ist lästig, aber wir haben uns in gewisser Weise daran gewöhnt." In Ebersbach hätten es sich die Leute angewöhnt, auf ihre Sachen, und nicht nur die Autos, aufzupassen. Noack: "Es ist selbstverständlich, dass man hier einen Rasenmäher nicht über Mittag draußen stehen lässt."
Viele Grenzbewohner helfen sich längst selbst, vergittern ihre Anwesen oder schaffen sich Alarmanlagen an. Hotelbesitzer Thomas Illert aus Jonsdorf bei Zittau bietet seit kurzem einen ganz besonderen Service. Auch bei ihm wurde schon ein Wagen geklaut. Gegen 30 Euro Kaution bekommen seine Gäste jetzt eine Parkkralle für ihr Auto.